Wann sprechen wir von "gering literalisierten Erwachsenen"?

Bisher wurde "geringe Literalität" über den so genannten funktionalen Analphabetismus definiert:

„Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. [...] Dies ist gegenwärtig zu erwarten, wenn eine Person nicht in der Lage ist, aus einem einfachen Text eine oder mehrere direkt enthaltene Informationen sinnerfassend zu lesen und/oder sich beim Schreiben auf einem vergleichbaren Kompetenzniveau befindet." (Egloff et al. 2011, S.14f).

Dieser Begriff stigmatisiert jedoch stark und hat sich für die Praxis als ungeeignet erwiesen. Deshalb verwendet LEO 2018 die Begriffe "geringe Literalität" bzw. "gering literalisierte Erwachsene". Gemeint ist,

"dass eine Person allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben kann." (vgl. LEO 2018 - Leben mit geringer Literalität)

Was bedeutet das für den Einzelnen?

Probleme beim Lesen und Schreiben können die betroffenen Menschen in allen Lebensbereichen einschränken. Die individuellen Auswirkungen sind abhängig von ihrer konkreten Lebenssituation.

Häufige Probleme sind:

  • Sie sind abhängig von Beziehungspartnern oder Vertrauenspersonen.
  • Ihre Mobilität ist eingeschränkt, sowohl im Individual- als auch öffentlichen Verkehr.
  • Es gibt Probleme im Umgang mit Ämtern oder Behörden.
  • Die Möglichkeiten, Informationen zu erhalten, sind begrenzt.
  • Sie haben gesundheitliche Risiken, weil sie z.B. Beipackzettel zu Medikamenten oder Formulare beim Arzt nicht lesen können.

Auch im Erwerbsleben treten Probleme auf:

  • Sie haben Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen des Arbeitsvertrages.
  • Sie können Arbeitsanweisungen nicht lesen und befolgen.
  • Sie können ihre eigenen Rechte nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Leo-Studie ermittelte 2018 in Deutschland 6,2 Millionen betroffene erwachsene Menschen.

Dies unterstreicht die Notwendigkeit, in der Öffentlichkeit über dieses vermeintliche Tabu-Thema zu sprechen - zwingend sind Information und Aufklärung. Betroffene Menschen sollten von den vorhandenen Hilfsmöglichkeiten erfahren.

Dafür bedarf es der Unterstützung und Hilfe von Familienangehörigen, Freunden, Kollegen, Arbeitgebern und von anderen Personen in ihrem Umfeld, denn Lesen und Schreiben ist so wichtig wie das tägliche Brot!